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Laudatio / Rede für den Maler Victor Brossa zur Vernissage
Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank, dass Sie zur heutigen Vernissage von Victor Brossa gekommen sind. In einer Stadt wie Berlin, in der jeden Tag statistisch gesehen über zehn Vernissagen stattfinden, am Wochenende sogar doppelt so viele, freut sich jeder Künstler, wenn seine Werke ein interessiertes und interessantes Publikum finden. Vielleicht haben Sie gefühlt, dass Sie heute unbedingt hier hin kommen sollten. Haben Ihren Bauch über ihren Kopf entscheiden lassen.
Victor Brossas Motiv nach Berlin zu ziehen, entwickelte sich ebenfalls aus einem Gefühl. Obwohl er kein Deutsch konnte, kein Geld hatte, niemanden in Berlin kannte. „Ich habe es einfach gefühlt.“, sagte er in einem Interview, „alles in mir sagte, Berlin. Alles.“
So ist es kein Wunder, dass er eine Serie „Stadt“ nennt, in der er den Kulturraum Großstadt mit seinen dicht gedrängten Hochhäusern zum Hintergrund menschlicher Erfahrungen macht. Die urbane Bühne, dargestellt in einer unbestimmten Vergangenheit und Gegenwart, wirft gleichzeitig einen Blick in eine ungewisse Zukunft. Raum und Zeit verdichten sich visuell in einem ewigen Jetzt.
So entwirft Victor Brossa auch das Bild einer Natur, die erhaben, aber nicht unberührt ist. Natur und Stadt bilden für ihn keinen Kontrast. Sie berühren sich. Der Mensch, so Brossa, braucht beides, Stadt und Natur, so ergibt sich Balance.
Die Bilder versuchen ein Gleichgewicht zwischen vermeintlichen Gegensätzen zu finden. Victor Brossa folgt bei dieser Suche nach Balance einfach seinen Gefühlen.
Von Gefühlen lässt er sich bei seinem künstlerischen Schaffen völlig leiten. Als Maler ist er Autodidakt und daher frei von jeglichem Kunstschuldenken. Schon als Kind gaben ihm seine Großeltern, die selbst malten, etliche Tipps, wie er seine Bilder gestalten sollte. Er hörte zwar zu, folgte aber nicht. Denn Kunst ist für ihn frei. Als ausgebildeter Grafikdesigner kennt er natürlich traditionelle und moderne Kunsttechniken und experimentiert mit ihnen unbefangen.
Er bevorzugt von allen Darstellungsformen die abstrakte. In seinen kräftigen Farbwürfen, angereichert mit Objekten und Symbolen, geordnet durch Linien, präsentiert er ein Chaos im Gleichgewicht. Das Gleichgewicht von Gegensätzen zu finden, bedarf der Intuition und dem Einlassen auf Gefühle.
Natürlich hat er immer eine Idee, wenn er ein Bild malt, aber in seinem Schaffensprozess folgt er ausdrücklich nicht seinem Verstand. „Ich fühle es und mache es. Dann gucke ich mir das Bild an und nach und nach setze ich die Linien. Wenn ich fühle, das es eine Geschichte gibt.“ Eine Geschichte, die er, wie er betont, nur als Gefühl erlebt. Ein Gefühl, das ihm Balance gibt. Er sucht in seinem Leben und in seinen Bildern stets Balance.
Er habe beim Malen oft das Problem zu viele Informationen in seinem Kopf zu haben. Für ihn gibt es nicht ein einzelnes, exklusives Thema. Es müssen immer viele Themen möglich sein. „Mit Kunst machst Du, was Du willst.“ So entsteht das, was er in seinen Bildern als Chaos bezeichnet. Die Lösung für sein Chaos-Problem sind Linien. Die Aufteilung der Bilder durch Linien organisiert das Chaos seiner Gefühle. Die Linien schaffen Ordnung, geben seinem Gefühl und seinen Bildern Balance.
Er trägt diese Linien zwar stark auf, doch bilden diese keine Grenzen. Obwohl sie eine fast strenge Geometrie vorgeben, sind sie nur Sehhilfen. Hilfen, die der Künstler braucht, und die er dem Betrachter als Orientierungshilfe zur Verfügung stellt. Sie halten nicht auf, engen nicht ein, geben keine bestimmte Blickrichtung vor. Über die Bilder im Bild, über den Bildrand hinaus, können sich Gefühle und Gedanken frei bewegen. Victor Brossa will Geschichten ohne Worte erzählen. Worte für diese Geschichten zu finden, ist dem Betrachtenden individuell überlassen.
Die offensichtlicheren Geschichten erzählt seiner Meinung nach seine Engel-Serie. Für diese Bilder versucht er nur eine Farbe zu benutzen, um sich auf das Wesentliche, das Wesen von Engeln, konzentrieren zu können. Besonders im Engelmotiv zeigt sich Victor Brossas Spiritualität ganz offen. So ist die zweite Signatur auf seinen Werken, der Name Irines, der Name eines Engels, den er geträumt hat. Kein Schutzengel, dieser Engel ist Victor Brossa selbst. „Ich will immer das Spirituelle in meinem Leben. Da ist immer dieser Krieg. Tier oder spiritueller Mensch. Ich brauche mehr als nur das Tier.
Als Künstler platziert er sich zwischen Engel und Mensch, bildet eine Synthese aus beiden. Auch andere Menschen sind für ihn Engel. Doch Engel sind perfekte Wesen. Menschen dagegen sind nicht perfekt. Sie müssen viele Kämpfe austragen, um Balance im Chaos, Gleichgewicht im Leben finden zu können. Das Thema Engel klingt einigen, die sich im Hier und Jetzt mit dem Verstand verankert fühlen, vielleicht zu sehr nach Mystizismus, nach spiritueller Schwärmerei.
Doch sind nicht auch rational denkende Menschen, auf ihre Weise, auf der Suche nach Perfektion, nach einem Gefühl innerer Balance? Es führen viele Wege zu Balance und Harmonie.
Ich will zum Schluss noch einen Tipp geben, wie Sie sich auf die Bilder Victor Brossas einstimmen können. „Wenn ein Bild fertig ist, tanze ich mit meiner Frau.“, hat Victor Brossa mir verraten. Lassen Sie also ihre Gefühle einfach mal tanzen. Denken Sie nicht! Tanzen Sie, allein oder zu zweit. Viel Vergnügen!
(c) Tanka Ticker, 04/2008
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